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Noch eine Meinung zu digitalen Radiergummis

Die Minister Aigner und de Maizière wollen für Bilder im Netz eine Art digitalen Radiergummi einführen. Mit Hilfe der Software X-Pire soll es möglich sein, den Daten ein Verfallsdatum einzuschreiben. Schon vorher werden sie verschlüsselt und sind nur für Besitzer des jeweiligen Keys zugänglich.

Christian Stöcker vom Spiegel beschreibt hier vor allem die praktischen Hürden des Systems und gibt ihm kaum eine Chance, realisiert zu werden.

Einen anderen Einwand bringt mspro. Er befürchtet, kurz gesagt, eine Art „fremdbestimmte Demenz“ des Netzes und geht sogar noch weiter: „Und überhaupt finde ich, dass das Internet noch viel zu viel vergisst.“

Diese Ansicht teilt (von einem etwas anderen Standpunkt) auch Torsten Kleinz. Er ist sich sicher: „Die Wahrheit ist: Das Netz vergisst längst.“

Welche Frage in der bisherigen Diskussion (soweit ich sie überblicken kann und soweit sie nicht hier, durchaus luzide, auf einer Meta-Meta-Ebene verhandelt wird) noch keine Rolle spielte: Was bedeuten (digitale) Radiergummis für das (kulturelle) Gedächtnis einer Gesellschaft?

Ein banales Beispiel mag verdeutlichen, was ich meine. Max Brod setzte sich nach dem Tod Franz Kafkas über dessen Diktum hinweg, seine unpublizierten Werke müssten vernichtet werden. Brod überführte den Nachlass Kafkas, modern gesprochen, in die Cloud und machte ihn so für die Nachwelt sichtbar. Zum Glück hatte Kafka keinen Radiergummi zur Hand, mit dem er das hätte verhindern können (eigentlich doch: seinen Kamin oder jedes andere Feuer; dieses Verfahren schien ihm aber [aus welchen Gründen auch immer] suspekt zu sein).

Schlechtes Beispiel? Okay. Dann nehmen wir eben Martin Guerre. Dessen annähernd wahre Geschichte extrahierte Natalie Zemon Davies aus den frühneuzeitlichen Akten diverser Archive. Hätte uns diese Geschichte samt ihrer Hinweise auf das bäuerliche Leben im 16. Jahrhundert, die Lebensentwürfe niederer Schichten oder das damalige Verhältnis von Mann und Frau erreicht, wenn Informationen vor 500 Jahren außerhalb der physikalischen und historischen Determination (Papier zersetzt sich; sogar Pergament hat eine dem Material eingeschriebene Lebensdauer; Kriege nehmen keine Rücksicht auf Verluste) ein Verfallsdatum eingraviert worden wäre?

Gegen natürliche Prozesse (auch die Lebensdauer von Festplatten ist endlich) kann man im Zweifelsfall die Wissenschaft oder andere Kulturtechniken in Stellung bringen, die Backup-Systeme entwerfen. Doch sollte man Informationen andererseits wissentlich vernichten? M.E. nicht. Denn so würden wir die nächsten Generationen vorsätzlich erblinden lassen, ihnen also sehenden Auges Wissen vorenthalten.

Und ja, ich bin der Meinung: Wer verfängliche Party-Bilder von sich selbst ins Netz stellt, ist selber schuld. Wer hingegen verfängliche Party-Bilder von anderen ins Netz stellt, gehört bestraft. Doch das ist (vielleicht) eine andere Geschichte.

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